Hans Elfert: Bei den Kohlenbrennern (30.05.1934)

Der folgende Text wurde uns 2014 von einem Besucher-Ehepaar am Meiler mitgebracht – als Kopie eines alten Zeitungsartikels aus dem Raum Neuwied. Rekonstruieren konnten wir den Verfasser und das vermutliche Datum des Textes – mehr nicht. Dem Bericht war eine offensichtlich selbstgefertigte Zeichnung des Autors beigefügt.

 

Der Wanderer, der in diesen Tagen den kleinen Ort Rockenfeld besucht, erblickt in unmittelbarer Nähe des Dorfes im Wald dichte weiße Rauchwolken, so daß er fast versucht ist, sie einem Waldbrande zuzuschieben. Auf seine erstaunte Frage nach der Ursache des Brandes erfährt er dann allerdings, daß nicht ein offenes Feuer den Rauch entwickelt, sondern daß hier im Wald Köhler ihre Arbeit aufgenommen haben.

 

Kommt man nun in den Wald und nähert sich den rauchenden schwarzen Hügeln, so bemerkt man, daß etwa ein halbes Dutzend dieser kleinen Vesuve hier ihr kurzes Leben im wahrsten Sinne des Wortes aushauchen.

 

Schon sehen wir auch die drei hier zurzeit für einige Wochen heimischen schwarzen Feuergeister. Es sind Leute aus dem schönen Spessart, die ihr zum Teil schon von Vater und Großvater ausgeübtes Handwerk, das eine große Sachkenntnis voraussetzt, trotz aller äußeren Unannehmlichkeiten übernommen haben. Einer ist schon wieder 25 Jahre als Köhler tätig. Weit kommen sie im Land herum, doch ist dies hier ungefähr ihre weiteste Arbeitsstätte.

 

Im Sommer sind sie unterwegs. Im Winter arbeiten sie in den heimischen Wäldern als Holzfäller. Ihre hier notdürftig erbaute Schlafhütte besteht aus einem Spitzzelt, das aus einigen steil gestellten Stämmen und darübergespannten Säcken hergestellt ist. Bleiben sie länger an einem Ort, so erbauen sie wohl auch festere, mit Rasenstücken abgedeckte Behausungen. Vor der „Tür“ der Hütte, die aus einem vorgehängten Sack besteht, ist die „Küche“ erbaut. Das ist eine offene Feuerstelle, neben der sich noch ein einfach zusammengebastelter „Tisch“ befindet, der die Teller, Schüsseln und Pfannen trägt. Ein Wasserfaß liegt daneben.

 

Wir werfen einen Blick in die Hütte. Drei einfache, an den nicht von der Tür eingenommenen Wänden gebaute „Betten“ sind alles, was wir außer einer Feuerstelle in der Mitte der Hütte erblicken.

 

Die Meiler brennen in einer Entfernung von etwa 50 Schritten voneinander nahe bei der Hütte. Jeder von den etwa 2 Meter hohen Hügeln faßt 30 bis 35 Meter Holz. Zum „Kohlen“ wird hier Buchen- und Hainbuchen-Knüppelholz verwendet, das in 1 Meter langen Stücken für das Verkohlen vorgearbeitet dort liegt.

 

Soll ein Meiler angelegt werden, so wird zunächst ein 5-6 Meter im Durchmesser betragender kreisrunder, genau waagerechter Platz mit feiner Erde sauber bedeckt. Dann kommt in die genau festgelegte Mitte ein aus drei dünnen, durch zwei Ringe fest miteinander verbundenen, Stämmen bestehender Schacht, der zur Aufnahme der Kohlen dient, die zum Anfeuern des Meilers gebraucht werden. Nun werden die einzelnen Hölzer in zwei Lagen übereinander gesetzt. Die anfangs steil stehenden Scheite und Knüppel werden dabei allmählich immer schräger gestellt, so daß am Ende die für einen Kohlenmeiler so bezeichnende halbkugelige Gestalt herauskommt. Zu dieser anstrengenden Arbeit werden etwa sechs Stunden benötigt. Nun wird der fertige Meiler mit Laub und Erde abgedeckt und von der Mitte, wo sich der Schacht befindet, durch Einschütten glühender Kohlen entzündet. Damit ist aber die Arbeit nicht etwa getan. Alle vier Stunden werden die einzelnen Meiler auf ihre Brennweise untersucht. Es wird festgestellt, ob sie genug Luft haben oder gar zu stark glühen. Durch Einstechen kleiner Öffnungen in den Kopf des Meilers oder durch Abdecken mit Erde wird das richtige Abbrennen gewährleistet.

 

In den ersten zwei oder drei Tagen ist da viel zu beachten. Zum Besteigen der brennenden Meiler dienen eigens dafür aus einem Tannenstamm angefertigte Meilertreppen. Nach einer Zeit von drei Tagen ist das Besteigen eines Meilers wegen der dann damit verbundenen Lebensgefahr nicht mehr möglich.

 

Ist der Meiler ausgebrannt, so wird er abgeräumt, und die entstandene Holzkohle in Säcke gefüllt. Sie wird in gewissen Betrieben noch viel gebraucht und kann durch nichts voll ersetzt werden. So erscheint also ein vollkommenens Verschwinden dieses alten Kohlenbrennerberufes zwar nicht so bald wahrscheinlich, immerhin ist in unserer Gegend der Köhler eine solche Seltenheit, daß sich ein Besuch bei den Spessartleuten wohl lohnte.

 

Wie kommt man nun hin zu den Meilern? Am besten zu erreichen sind sie von Rockenfeld aus in drei Minuten. Man fährt mit der Bahn bis Rheinbrohl und geht dann über den Weierhof nach Rockenfeld, oder man geht oder fährt bis zum Forsthaus Nonnenbach bei Datzeroth und dann das Nonnenbachtal aufwärts in einer guten halben Stunde.

 

Da die Köhler nur noch etwa 14 Tage hier bleiben werden, muß man sich immerhin beeilen, wenn man diese eigenartigen Vertreter eines fast ausgestorbenen Berufes noch in ihrer Wirksamkeit sehen will. Es lohnt sich bestimmt.