Die Platte ist geputzt !

Es dauerte exakt 16 Tage mit 48 Schichten von ca. 50 aktiven Köhlerinnen und Köhlern – dann war der Meiler platt!

 

Bei insgesamt eher durchwachsenem Wetter (nahezu alle vier Jahreszeiten waren diesmal vertreten, und ganz zum Schluss kamen auch noch die Eisheiligen ziemlich frostigen Blickes vorbei...) bewies auch der 10. Rheinbrohler Meiler die seit etlichen Jahren herangereifte Erkenntnis, dass kein Meiler dem anderen gleicht: weder in seiner Ausgangsgröße, seinem Verlauf, seinem Gestaltwandel noch in seinem Ertrag. Er ist eben eine auf den Kopf gestellte Wundertüte. Und das ist auch gut so.

 

Das qualmende Hügel-Monster auf der Rheinbrohler Meilerplatte unweit der Turnerhütte „Wilhelmsruh“ lockte auch im Jubiläumsjahr jede Menge Besucherinnen und Besucher an: den wohl weitesten Anmarsch-Weg hatte ein Ehepaar aus Chile, deren Tochter zur Verblüffung aller Umstehenden umstandslos in der Lage war, selbst die kompliziertesten Werkzeuge und sämtliche Farbschattierungen des austretenden Rauches von Köhlerdeutsch ins Spanische zu übersetzen.

Eine zahlenmäßig nicht unkleine, aber völlig friedliche Wandergruppe aus Belgien hatte das Glück, zwei Damen in ihrer Mitte zu haben, die Rheinbrohl-Deutsch ins Niederländisch-Französisch-Deutsche übertragen konnten; politisch eher einseitig ausgerichtete Wandergruppen waren beeindruckt von der parteiübergreifend harmonischen Zusammenarbeit unterschiedlicher berufs-, alters- und geschlechtsgruppenzugehöriger Aktiver vor Ort...

 

Hoch-symbolschwanger/symbolhochschwanger fand in der Nacht zum Muttertag die diesjährige „Ladies’ Night“ statt – der Meiler präsentierte sich am Morgen danach als „Pink Cupcake“ mit pinkfarbenen Wattebäuschchen im Mäntelchen – süüüüüüß!

Auch in diesem Jahr chauffierte das Strohballen-Traktor-Taxi von Alfons Rott sein ältestes Familienmitglied weich und sicher zum Ort des Geschehens – und zurück (der Fahrer stand nämlich die gesamte Zeit über lediglich unter Apfelsaftschorledrogeneinfluss).

 

Eine Waldbreitbacher Wandergruppe war beglückt von den stillen Reserven einer nach dem deutschen Reinheitsgebot hergestellten Flüssignahrung; ein sehr traditionsbewußter Schützenverein aus dem benachbarten Inland war verwundert über die überaus schnelle Fließgeschwindigkeit hiesigen Rieslings; die Rheinbrohler Weinkönigin samt Gefolge kam zur Stippvisite statt in Stöckels diesmal in derben Arbeitsschuhen und ohne jegliche Vorwarnung lieferten zwei kräftige Köhler auf der Meiler-Spitze einen kräftezehrenden Walzer ab, der sich nicht nur im Wienerwald sehen lassen konnte!

 

Betriebsausflüge diverser Gewerke und öffentlicher bis halböffentlicher Dienstleister staunten angesichts der geschickten und völlig unfallfreien Hand- und Fußarbeit des wirklich ältesten Gewerbes der Welt (Eisenzeit!) fast schon sichtbare Bauklötze; die Lehrerinnen der Grundschulen Bad Hönningen und Rheinbrohl sahen nach ca. 30 Minuten nur noch das Schwarze in den Gesichtern und den Puderzucker an den Händen ihrer Schülerinnen und Schüler – und alle anderen Gäste am Meiler schwankten zwischen der Bewunderung für den ganz offensichtlich harten und übelriechenden Job der Holzkohleproduktion und der Bewunderung für die trotzdem strikte Einhaltung des Bundes-Immissionsschutzgesetzes hin und her.

 

Den Jubiläumsmeiler indes störte das muntere Treiben um ihn herum und auf ihm drauf kein bißchen – er sackte Tag für Tag entspannt und bestimmungsgemäß in sich zusammen, meldete sich ab und zu mit einem kleinen bis mittelgroßen Zusammenbruch zu Worte (was die Köhler jeweils echt beflüüüüügelte...) und tat am 11. Tag seinen letzten hörbaren Atemzug.

(Vom 30.04. bis zum 15.05. zeigt die auf 322 Meter über Normalhöhennull geeichte Verlaufsskala, leider nur aus echter Fichte, übrigens einen Höhenschwund unseres Meilers von 2,50 m auf ca. 1,85 m – womit nur äußerst knapp das preußische Gardemaß verfehlt wurde.)

 

Ab da griff der Routine zweiter Teil: permanentes Feuchthalten des Meiler-Erdmantels und der Köhlerinnen und Köhler gleichermaßen – das eine mit kristallklarem Wasser (danke, liebe Feuerwehr!), das andere mit sonstigen kristallklaren oder ansprechend eingetrübten Getränken der Region.

 

Nach entsprechenden Vorbereitungsarbeiten am Pfingstsamstag [Waffeleisen durchladen, Getränkevorräte erbarmungslos aufstocken, sämtliche Schubkarren im Umkreis von 6 km gnadenlos heranpfeifen, Schaufeln, Harken, Hacken und Hexenbesen aus jeder Ecke herbeizaubern (danke, Harry Potter!) und hitzeresistente Handschuhe für alle Kohlenzieher/innen fertighäkeln] ging es dann am Pfingstsonntag ab 08:30 Uhr voll, aber sehr nüchtern zur Sache: der Meiler wurde aufgemacht und die Kohle wurde gezogen und eingesackt.

(Das war jetzt die Kurzversion.)

 

Begleitet vom ungläubigen Hingucken und Staunen vieler Schaulustiger („Da kommt ja echte Holzkohle raus!“ „Da sitzt ja gar keiner drin!“ „Das ist aber ein schmutziges Geschäft!“) wurde die zum Glück überwiegend coole Holzkohle von feuerfesten und kohlenstaubresistenten Köhlerinnen und Köhlern nach intensiver Qualitätskontrolle (heiß – nicht heiß – heiß – nicht heiß...) direkt in Papiersäcke mit Stahlfutter abgefüllt und auf diverse bereitgestellte Transportmittel (Frontlader, Vorderlader, Hinterlader, Lada) gehievt.

(Bisher unbestätigten Informationen zufolge soll in den nächsten Jahren mithilfe von EU-Geldern ein hochmodernes Förderband chinesischen Ursprungs direkt von der Meilerplatte zum Rheinbrohler Hafen führen – damit würde dann auch der Arbeitsplatz der Sekretärin des Ortsbürgermeisters definitiv abgesichert werden können.)

 

Um 17:00 Uhr schließlich formierten sich leicht eingeschwärzte Schubkarren-Kolonnen zum Gardez-vous und erheblich angeschwärzte Köhlerinnen und Köhler zum traditionellen Abschiedsfoto mit Dame in Wanne (ein Schelm, wer Nasses dabei denkt...) – und danach flossen reichlich Tränen der Freude über ein vollkommen gelungenes Meiler-Jubiläum und fast ebenso viele Tränen des Abschiednehmens von einem idyllischen Plätzchen im tiefen und hohen Westerwald (s.o.: 322 m ü. NHN), wo normaler Weise nur Hase und Fuchs sich (friedlich???) Gute-Nacht sagen und ab und zu die eine oder andere herumlungernde Wildsau gravitätischen Trippel-Schrittes über die für den Rest des Jahres 1a-sauber geputzte Meilerplatte rüsselt...

 

Nur die wenigen armen Säue, die das ganze Köhler-Lager ab Pfingstmontag wieder ordnungsgemäß abbauen mussten, murmelten ziemlich bösartige Worte, als sie feststellten, dass keine einzige Köhler-Waffel von herzerwärmenden Köhlerinnen mehr den Weg in ihre tendenziell natürlich stets leeren Männer-Mägen fand und auch keine anderweitig gut gefüllten und auf den Punkt einsatzbereiten Kühlschränke mehr herumstanden – diese traurigen Männer sehnten sich folglich mit feucht-glänzenden Augen ganz ganz doll nach dem 30. April 2016 zurück...

 

Insgesamt war aber doch für jede/jeden auch in diesem Jahr das irdene Meiler-Füllhorn wieder voll der wahren, der guten und der schönen Dinge: u.a. Wissen, Glaube, Liebe, Hoffnung, Essen und Trinken, freilaufende (total guterzogene) Hunde und jede Menge Kohle!

 

Und beim nächsten Mal wollen alle Aktiven und alle Besucher wirklich richtig ernsthaft versuchen, Kronkorken, Zigarettenkippen und Bonbonpapier liebevoll in die eigene Hosentasche statt in den Meilerplatten-Waldboden zu stopfen!

 

Man/frau darf auch darauf gespannt sein.

 

 

The End.