Märchenhafte Ladies’ Night am Kohlenmeiler

Auch in diesem Jahr war dem Rheinbrohler Kohlenmeiler wieder das totale Glück hold: die schönsten, kräftigsten, mutigsten und erfahrensten Köhlerinnen rotteten sich am Samstag, dem 16. Mai, erneut zur „Ladies’ Night“ zusammen, um auf unbeschreiblich weibliche Art dem inzwischen leider relativ unförmig geratenen Schwarz-Hügel das Erdmäntelchen aufzuhübschen.

 

Doch zuvor sah der Plan noch ein zweites Event der ganz besonderen Art vor: Förster Oliver Müller, Ahnvater und Schutzpatron des reanimierten Rheinbrohler Köhlerei-Handwerks, zückte gegen 20:30 Uhr die Stirnlampe und las mit der ihm wohl eigens dafür vom Schöpfer verliehenen kräftigen Stimme (Jagdhund, Frau, Sohnemann und Arbeitskollegen können ein Lied davon singen!) ein altes Märchen mit durchaus aktuellen Bezügen vor: „Das kalte Herz“ von Wilhelm Hauff, ursprünglich erschienen in Hauffs „Märchenalmanach auf das Jahr 1828“, in zwei Teilen als Binnenerzählung eingebettet in die Erzählung „Das Wirtshaus im Spessart“.

 

Gebannt (aber meilerbedingt natürlich von etlichen Erstickungs- und Husten-Attacken geplagt) lauschten an die 40 kleinen und großen Zuhörerinnen und Zuhörer, pittoresk um das lodernde Lagerfeuer gruppiert, den Irrungen und Wirrungen des Peter Munk, genannt der Kohlenmunk-Peter, der im Schwarzwald die Köhlerei seines verstorbenen Vaters fortführt, aber mit der schmutzigen, anstrengenden, schlecht bezahlten und wenig respektierten Arbeit unzufrieden ist (an dieser Stelle verzeichnet das Protokoll frenetischen Beifall der aktiven Köhlerinnen und Köhler...) und mithilfe zweier konkurrierender Waldgeister (Schwesig? Schäuble?) nach Höherem strebt.

 

Die wabernden Rauchwolken des Meilers, von der abendlichen Thermik um die Meilerplatte herum nur denkbar knapp über die Köpfe des märchenhaften Märchen-Publikums getrieben, ließen in der Phantasie (und/oder aufgrund der tendenziellen Kurzsichtigkeit einiger) Zuhörerinnen und Zuhörer die Gestalten des Glasmännleins und des Holländer-Michels bedrohlich nahe an die Lagerfeuer-Romantik heranwachsen – umso erleichternder, dass die Geschichte, anders als im wirklichen Leben, letztlich doch noch ein gutes Ende nahm. (Danke, Oliver!)

 

Eine wahrlich brilliante Staffelstab-Übergabe für die Ladies, die – wald- und himbeergeist-gefestigt – in der Folge dafür sorgten, dass der Kohlenmeiler auch weiterhin prächtig in Form blieb und die Frühschicht sich verwundert die Augen rieb, als sie feststellen musste, dass den Zuglöchern über Nacht doch tatsächlich ein aufregendes MakeUp und ein Satz frischer künstlicher Wimpern verabreicht wurden.

 

Kommentar einer bereits hellwachen Lady dazu: „Hey, unser Dorf soll doch schöner werden, oder wie jetzt?“

 

Der Chronist hat dem nichts hinzuzufügen, schweigt und genießt.